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September 28, 2026Die Gold-Silber-Ratio ist innerhalb von neun Monaten von 105 auf 45 gefallen und wieder auf 65 gestiegen. Wer Edelmetalle besitzt, fragt sich: Was treibt dieses Verhältnis – und kann man seine Richtung erkennen? Ich habe neun mögliche Einflussfaktoren über mehr als fünf Jahrzehnte geprüft. Das Ergebnis räumt mit einigen verbreiteten Annahmen auf.
Was die Gold-Silber-Ratio misst
Die Gold-Silber-Ratio gibt an, wie viele Unzen Silber Du für eine Unze Gold bekommst. Die Rechnung ist einfach: Goldpreis geteilt durch Silberpreis. Am 18. September 2026 lag das Londoner Goldfixing bei 4.348,15 Dollar, das Silberfixing bei 67,035 Dollar. Das ergibt eine Ratio von 64,86 (4.348,15 ÷ 67,035).
Steigt die Ratio, entwickelt sich Gold besser als Silber. Fällt sie, holt Silber auf. Die Ratio sagt also nichts darüber, ob Edelmetalle insgesamt steigen oder fallen, sondern nur, welches der beiden Metalle sich relativ besser entwickelt.
Für alle Auswertungen in diesem Beitrag habe ich die Tagesfixings der London Bullion Market Association (LBMA) für Gold und Silber zu Monatsmitteln zusammengefasst und daraus die monatliche Ratio berechnet. Die Wirtschaftsdaten stammen aus der Datenbank FRED der Federal Reserve Bank of St. Louis.
Die Gold-Silber-Ratio seit 1968: Monatsmittel der Londoner Fixings, gestrichelt der Durchschnitt 1970–2026
Die Gold-Silber-Ratio seit 1968
Die Spannweite ist enorm. Den niedrigsten Tageswert erreichte die Gold-Silber-Ratio am 2. Januar 1980 mit 14,0, auf dem Höhepunkt der Silberspekulation der Brüder Hunt. Den höchsten Wert markierte sie am 17. März 2020, im Corona-Crash, mit 123,5. Der Durchschnitt der Monatswerte von Januar 1970 bis Mai 2026 liegt bei 60,2.
Das Silver Institute kommt in einer Analyse vom Juli 2026 zu einem ähnlichen Wert. Es beschreibt das langfristige Gleichgewicht als „just under 60:1″, also knapp unter 60 zu 1.
Auffällig ist, dass die Ratio seit den Siebzigerjahren im Trend gestiegen ist:
| Zeitraum | Durchschnitt der Gold-Silber-Ratio |
| 1971 – 1979 | 32,9 |
| 1980er | 52,7 |
| 1990er | 73,7 |
| 2000er | 61,5 |
| 2010er | 67,5 |
| 2020 – 2026 | 81,0 |
Ein fester „natürlicher“ Wert ist daraus nicht abzulesen. Das oft zitierte geologische Verhältnis von Silber zu Gold in der Erdkruste spielt am Markt ebenfalls keine erkennbare Rolle. Die Minenproduktion liegt laut US Geological Survey für 2025 bei geschätzt 26.000 Tonnen Silber und 3.300 Tonnen Gold – ein Verhältnis von 7,9 zu 1. Die Preise bewegen sich seit Jahrzehnten weit davon entfernt.
Die Methode: neun Faktoren im Test
Ich habe für jeden Monat die Veränderung der Gold-Silber-Ratio über zwölf Monate berechnet und mit der Veränderung von neun Größen im selben Zeitraum verglichen. Zwölf Monate deshalb, weil kürzere Zeiträume stark vom Rauschen der Tagespreise geprägt sind.
Die Kennzahl ist der Korrelationskoeffizient. Er liegt zwischen minus eins und plus eins. Positiv bedeutet: Steigt der Faktor, steigt auch die Ratio. Negativ bedeutet: Steigt der Faktor, fällt die Ratio – Silber entwickelt sich dann besser als Gold. Werte nahe null bedeuten, dass kein linearer Zusammenhang erkennbar ist. Das Quadrat der Korrelation (R²) gibt an, welcher Anteil der Schwankungen sich rechnerisch mit dem Faktor erklären lässt.
Einflussfaktoren der Gold-Silber-Ratio: Korrelation der 12-Monats-Veränderungen mit neun Größen
| Faktor | Zeitraum | Korrelation | R² |
| Dollar (handelsgewichteter Index) | 2007 – 2026 | +0,59 | 34 % |
| Inflationserwartung 10 Jahre | 2004 – 2026 | −0,52 | 27 % |
| Kupfer-Gold-Verhältnis | 1993 – 2026 | −0,36 | 13 % |
| Industrieproduktion USA | 1971 – 2026 | −0,20 | 4 % |
| Inflationsrate | 1971 – 2026 | −0,14 | 2 % |
| Leitzins | 1971 – 2026 | −0,10 | 1 % |
| Geldmenge M2 | 1971 – 2026 | +0,07 | 0 % |
| Realzins (Leitzins minus Inflation) | 1971 – 2026 | +0,04 | 0 % |
| Staatsschuldenquote USA | 1971 – 2026 | +0,02 | 0 % |
Die Rangfolge ist eindeutig. Drei Faktoren haben einen messbaren Zusammenhang mit der Gold-Silber-Ratio. Sechs haben praktisch keinen.
Faktor 1: Der Dollar
Den stärksten Gleichlauf zeigt der Dollar. Steigt der handelsgewichtete Dollarindex der Federal Reserve über zwölf Monate, steigt meist auch die Ratio. Die Korrelation beträgt plus 0,59, gut ein Drittel der Schwankungen lässt sich damit rechnerisch erklären.
Die Einschränkung: Die breite Dollarreihe (DTWEXBGS) beginnt erst 2006. Der Zusammenhang ist also nur für knapp zwei Jahrzehnte messbar. Eine mögliche Erklärung: Ein starker Dollar geht oft mit Phasen einher, in denen Kapital in sichere Häfen fließt. Davon profitiert Gold stärker als Silber, das zu mehr als der Hälfte industriell nachgefragt wird (2025: 657,4 von 1.130 Millionen Unzen). Das ist eine Deutung, kein Beweis.
Faktor 2: Die Inflationserwartung
Der zweitstärkste Faktor ist die Inflationserwartung der Anleihemärkte, gemessen an der Differenz zwischen normalen und inflationsgeschützten zehnjährigen US-Staatsanleihen (Breakeven-Rate, Reihe T10YIE). Steigt sie, fällt die Gold-Silber-Ratio. Die Korrelation liegt bei minus 0,52.
Interessant ist der Unterschied zur tatsächlichen Inflationsrate. Sie hat mit minus 0,14 nur einen schwachen Zusammenhang. Für die Ratio zählt offenbar weniger die Teuerung der Vergangenheit als die Erwartung, dass sie kommt.
Ein Detail aus der Langfristbetrachtung mahnt allerdings zur Vorsicht: In Monaten mit einer US-Inflation über fünf Prozent lag die Ratio von 1971 bis 2026 im Schnitt bei 46,5, bei einer Inflation unter zwei Prozent bei 68,2. Betrachtet man nur die Zeit ab 1985, dreht sich das Bild allerdings: Dann lag die Ratio in den 38 Monaten mit mehr als fünf Prozent Inflation im Schnitt bei 79,3. Der scheinbar klare Zusammenhang beruht also vor allem auf den Siebzigerjahren.
Faktor 3: Konjunktur, Kupfer und Rezessionen
Silber ist zu einem großen Teil ein Industriemetall. Das Silver Institute beziffert die industrielle Nachfrage für 2025 auf 657,4 Millionen Unzen, bei einer Gesamtnachfrage von 1,13 Milliarden Unzen. Silber reagiert deshalb stärker auf die Konjunktur als Gold.
Das zeigt sich im Vergleich mit Kupfer, dem klassischen Konjunkturmetall. Ich habe das Verhältnis von Kupferpreis zu Goldpreis gebildet. Es steigt, wenn die Industrie stark nachfragt, und fällt, wenn Anleger Sicherheit suchen.
Gold-Silber-Ratio und Kupfer-Gold-Verhältnis seit 1992: gegenläufige Entwicklung
Die Korrelation der Zwölfmonatsveränderungen seit 1993 beträgt minus 0,36. Legt Kupfer gegenüber Gold zu, fällt die Gold-Silber-Ratio meist. Die US-Industrieproduktion zeigt denselben, aber schwächeren Zusammenhang (minus 0,20).
Am deutlichsten wird der Konjunktureinfluss in Rezessionen. In allen acht US-Rezessionen seit 1970 (Datierung des National Bureau of Economic Research) ist die Ratio gestiegen.
Gold-Silber-Ratio in allen acht US-Rezessionen seit 1970: Anstieg vom Monat vor Beginn bis zum Höchststand
| Rezession | Anstieg der Gold-Silber-Ratio |
| 1970 | +25 % |
| 1973 – 1975 | +24 % |
| 1980 | +136 % |
| 1981 – 1982 | +19 % |
| 1990 – 1991 | +31 % |
| 2001 | +12 % |
| 2008 – 2009 | +41 % (56,2 → 79,3) |
| 2020 | +26 % (89,1 → 111,9) |
Gemessen habe ich vom Monatsmittel im Monat vor Beginn der Rezession bis zum höchsten Monatsmittel während der Rezession und der drei Folgemonate. Die Bandbreite reicht von plus 12 bis plus 136 Prozent. Über alle Monate gerechnet stieg die Ratio in den zwölf Monaten, die in einer Rezession endeten, im Schnitt um 11,0 Prozent (74 Monate), in allen anderen Monaten um 1,0 Prozent (594 Monate).
Faktor 4: Zinsen, Geldmenge und Staatsschulden
Hier sind die Ergebnisse eindeutig – eindeutig schwach. Leitzins (minus 0,10), Realzins (plus 0,04), Geldmenge M2 (plus 0,07) und die US-Staatsschuldenquote (plus 0,02) zeigen keinen verwertbaren Zusammenhang mit der Gold-Silber-Ratio.
Auch die Zinsphasen bestätigen das. In den zehn Zinserhöhungsphasen der Fed seit 1972 stieg die Ratio sechsmal und fiel viermal. In den neun Senkungsphasen stieg sie fünfmal und fiel viermal. Das ist kaum von einem Zufallsergebnis zu unterscheiden.
Das bedeutet nicht, dass Zinsen und Schulden für Edelmetalle bedeutungslos wären. Sie können Gold und Silber gemeinsam bewegen. Auf das Verhältnis der beiden zueinander wirken sie sich nach diesen Daten aber nicht erkennbar aus.
Faktor 5: Angebot, Nachfrage und Fördermengen
Beim Silber gibt es eine Besonderheit, die für die Gold-Silber-Ratio wichtig sein kann: Nur ein kleiner Teil wird gezielt gefördert. Nach Angaben des Silver Institute vom Februar 2026 stammen rund 28 Prozent der Minenproduktion aus reinen Silberminen. Der Rest fällt als Nebenprodukt beim Abbau von Blei, Zink, Kupfer und Gold an. Ein höherer Silberpreis führt deshalb nicht automatisch zu mehr Silberförderung.
Die Kennzahlen aus dem World Silver Survey 2026 (veröffentlicht am 15. April 2026):
| Kennzahl 2025 | Wert |
| Minenproduktion | 846,6 Mio. Unzen (+3 %) |
| Recycling | 197,6 Mio. Unzen |
| Industrielle Nachfrage | 657,4 Mio. Unzen (−3 %) |
| Gesamtnachfrage | 1,13 Mrd. Unzen |
| Marktbilanz | fünftes Defizitjahr in Folge |
| Prognose Defizit 2026 | 46,3 Mio. Unzen |
Ein anhaltendes Defizit bedeutet, dass die Nachfrage aus vorhandenen Beständen gedeckt wird. Das kann den Silberpreis stützen. Einen messbaren Zusammenhang zwischen den jährlichen Defiziten und der Ratio habe ich nicht berechnet, weil die Jahresdaten dafür zu wenige Beobachtungen liefern. Ob die Defizite die Ratio bewegen, weiß ich deshalb nicht.
Faktor 6: Notenbanken
Notenbanken kaufen Gold, aber praktisch kein Silber. Laut World Gold Council erwarben sie 2024 1.092,4 Tonnen und 2025 863,3 Tonnen Gold, nach durchschnittlich 473 Tonnen pro Jahr zwischen 2010 und 2021. Diese Nachfrage stützt einseitig den Goldpreis und damit tendenziell die Ratio.
Das Silver Institute sieht in seiner Analyse vom Juli 2026 in den hohen Notenbankkäufen einen wahrscheinlichen Grund dafür, dass die Ratio in den vergangenen Jahren über ihrem langfristigen Gleichgewicht lag. Der Durchschnitt der Jahre 2020 bis 2026 von 81,0 passt zu dieser Einschätzung. Ein statistischer Nachweis ist das nicht, weil sich die Rekordkäufe auf wenige Jahre konzentrieren.
Gold und Silber: gleiche Richtung, andere Wucht
Für das Verständnis der Ratio hilft noch eine Kennzahl. Von 2006 bis 2026 lag die Korrelation der Monatsrenditen von Gold und Silber bei 0,77. Die beiden Metalle bewegen sich also meist in dieselbe Richtung. Silber schwankt aber etwa doppelt so stark: Die jährliche Schwankungsbreite (Volatilität) lag bei Gold bei 13,6 Prozent, bei Silber bei 26,6 Prozent. Rechnerisch bewegte sich Silber im Schnitt um das 1,52-Fache der Goldbewegung.
Daraus erklärt sich ein wichtiges Muster: Steigen Edelmetalle insgesamt kräftig, fällt die Ratio häufig, weil Silber stärker zulegt. Fallen sie, steigt die Ratio. Das zeigte sich 2026 deutlich. Vom Rekordfixing am 29. Januar 2026 verlor Silber bis zum 18. September 43,4 Prozent, Gold vom Rekordfixing 19,6 Prozent.
Welche Signale Du beobachten kannst
Aus den Daten ergeben sich vier Indikatoren, die historisch mit der Richtung der Gold-Silber-Ratio zusammenhingen:
- Dollarindex: Ein steigender Dollar ging seit 2007 meist mit einer steigenden Ratio einher. Reihe DTWEXBGS auf FRED.
- Inflationserwartung: Steigende Breakeven-Raten gingen seit 2004 meist mit einer fallenden Ratio einher. Reihe T10YIE auf FRED.
- Kupfer gegenüber Gold: Legt Kupfer relativ zu Gold zu, fiel die Ratio meist. Reihe PCOPPUSDM auf FRED.
- Rezessionssignale: In allen acht Rezessionen seit 1970 stieg die Ratio.
Keiner dieser Indikatoren erklärt mehr als ein gutes Drittel der Schwankungen. Sie zeigen Wahrscheinlichkeiten, keine Gewissheiten. Wie sich extreme Werte der Ratio selbst als Signal nutzen lassen, ist eine eigene Frage, die ich separat ausgewertet habe.
Fazit
Die Gold-Silber-Ratio ist kein Zins-, Schulden- oder Geldmengenindikator. Diese Faktoren zeigen über fünf Jahrzehnte praktisch keinen Zusammenhang mit ihr. Was sie bewegt, ist der Gegensatz von Sicherheitsbedürfnis und Konjunktur: ein starker Dollar und Rezessionen treiben sie nach oben, steigende Inflationserwartungen und eine starke Industrienachfrage drücken sie nach unten. Dazu kommen die Goldkäufe der Notenbanken, die seit 2022 einseitig das Gold stützen.
Für Deinen Vermögensschutz bedeutet das: Gold und Silber erfüllen unterschiedliche Aufgaben. Gold ist die ruhigere Absicherung gegen Krisen und Geldentwertung, Silber die schwankungsreichere Beimischung mit stärkerem Konjunkturbezug. Beide sind Eigentum, das nicht vom Versprechen eines Staates oder einer Bank abhängt – und genau darin liegt ihr Wert, unabhängig davon, wo die Ratio gerade steht.
Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung und keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung. Korrelationen zeigen einen statistischen Gleichlauf, keine Ursache. Vergangene Entwicklungen sind kein verlässlicher Hinweis auf künftige.
Quellen
- LBMA Gold Price PM und LBMA Silver Price, Tageswerte: prices.lbma.org.uk/json/gold_pm.json und prices.lbma.org.uk/json/silver.json (Abruf September 2026)
- Federal Reserve Bank of St. Louis, FRED (fred.stlouisfed.org): DTWEXBGS, T10YIE, PCOPPUSDM (IMF), INDPRO, CPIAUCSL, FEDFUNDS, M2SL, GFDEGDQ188S, USREC (NBER-Rezessionsdatierung)
- S. Geological Survey, Mineral Commodity Summaries 2026: Silver und Gold (Minenproduktion 2025, geschätzt)
- The Silver Institute / Metals Focus, World Silver Survey 2026 (15.04.2026): silverinstitute.org
- The Silver Institute, Pressemitteilung vom 10.02.2026 (Anteil primärer Silberminen) und Analyse vom Juli 2026 (Gleichgewicht der Gold-Silber-Ratio)
- World Gold Council, Gold Demand Trends Full Year 2025 (29.01.2026), Abschnitt Central Banks
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