Optionshandel – Jeder kann handeln

Optionshandel

Oder besser: Jeder kann zocken?

Spannende Sachen geistern in Form von unerwünschter E-Mail-Werbung durch das Netz. Besonders interessant sind die Nachrichten, in denen es um extreme Renditen oder um schnell verdientes Geld geht. Ab und zu schaut der Autor mal, was sich hinter den Angeboten verbirgt. Dieses Mal ging es um Optionshandel.

1.700 Euro am ersten Tag! Wer will das nicht verdienen. Solche E-Mails landen täglich in den Mailboxen unserer vielen Mailadressen. Die meisten verschluckt der SPAM-Filter, der verhindern soll, dass solche schrägen Angebote gar nicht in den Posteingang landen können. Aber manchmal versagt das gute Teil eben und offenbart ein Füllhorn an Fantasie. Die fette Kohle gibt es verdienen und das Beste ist, man muss dafür nur wenig tun. Wenig tun und viel bekommen, klingt schon mal nicht so übel. Also dann, mal nachgeforscht, worum es geht.

Wetten dass … ?

Man gelangt auf eine Seite mit viel Trara und einigen Links. Also: zuerst Sicherheitssoftware auf Maximum und dann draufgeklickt… Betätigt man diese Links, kommt man auf Anbieterseiten für Optionshandel. Die Aussage ist, dass jedermann handeln kann. Jedermann soll mit Optionen handeln können? Hm, wenn man darüber nachdenkt, stimmt es. Grundsätzlich kann jedermann mit allem möglichen handeln. Die Frage ist, ob das Resultat zum Schluss erfreulich ist.

Der Entschluss wird gefasst, die Sache etwas näher zu überprüfen. Also schnell ein Benutzerkonto angelegt und ein wenig „Spielgeld“ überwiesen. Die Vertragsbedingungen sind eine Wissenschaft für sich. Man kann diese jedoch auf ein Minimum reduzieren, welches feststellt, dass der Anbieter keinerlei Haftung übernimmt und der Handelnde in vollem Umfang selbst für seine Handlungen verantwortlich ist. War ja nicht anders zu erwarten. Der Anbieter kann es sich schließlich nicht leisten, als Vermittler aufzutreten, auch, wenn es so ist.

Doch was nun? Ein Chatagent wird angeboten. Das war auch bitter nötig nach der anstrengenden Lektüre des Vertrages. Die Fragen zielen darauf ab, ob es jemandem möglich sein soll, mit Optionen zu handeln, der über keinerlei Erfahrung verfügt. Die wenig überraschende Reaktion bejaht diese Frage. Man macht jedoch darauf aufmerksam, dass man schon ein wenig schauen sollte, welche Trends im Markt abzulesen sind. Und man solle die längerfristigen Optionen handeln.

Also, dann ran an den Speck und eigene Erfahrungen gemacht! Von Erfahrung im Optionshandel kann keine Rede sein. Wie soll man es also machen? Was sind Optionen überhaupt? Optionen erscheinen undurchschaubar und komplex. Sind Sie auch. Optionen sind Wetten. Man gibt einen Tipp darauf ab, was passieren wird. Beim vorliegenden Angebot geht es um den Handel mit so genannten Binäroptionen. Der Handel mit Binäroptionen soll für Anfänger problemlos möglich sein. Jedoch benötigt man ein gewisses Grundverständnis darüber, was eigentlich dabei passiert.

Im Grunde geht es darum etwas zu einem bestimmten Wert zu einem späteren Zeitpunkt zu einem vereinbarten Preis zu kaufen (Call) oder zu verkaufen (Put). Gehandelt wird alles Mögliche. Gängig sind jedoch Aktien, Fonds, Rohstoffe usw. Es handelt sich dabei um ein bedingtes Termingeschäft. Bedingt deswegen, weil man sich durch den Kauf der Option ein Recht erwirbt und keine Pflicht. Der Options-Inhaber entscheidet einseitig, ob er die Option zum Ablauf ausübt oder verfallen lässt. Bei der Ausübung findet in der Regel ein Barausgleich statt, im Gegensatz zur Lieferung des Basiswertes. Der Verkäufer (auch Stillhalter genannt) erhält den Kaufpreis der Option und ist im Gegenzug bei Ausübung verpflichtet, den Basiswert zum vorher bestimmten Preis zu verkaufen beziehungsweise zu kaufen. Wenn Optionen als Wertpapier gestaltet werden, handelt es sich dabei um Optionsscheine – diese sind für Privatanleger einfacher zu handeln und erfordern aufgrund der kleineren Stückelung weniger Kapitaleinsatz. Sowohl Optionen als auch Optionsscheine sind für Trader attraktiv, da sie – je nach Ausstattungsmerkmalen mehr oder weniger große Hebeleffekte bieten und somit die Chance auf hohe Gewinne bei gleichzeitig entsprechend hohem Risiko.

Chancen und Risiken beim Optionshandel

Man hat also hohe Chancen – aha! Aber die Risiken sind ebenfalls nicht zu verachten. Im erwähnten Portal werden binäre Optionen mit unterschiedlicher Laufzeit gehandelt. Die kürzesten Handelsintervalle enden halbstündlich, die längsten zum Monatsende. Mit anderen Worten kann man sich also verschiedenste Posten aussuchen und darauf tippen, ob deren Kurse zum gewählten Ablauf höher oder geringer liegen wird als der Kurs zum Zeitpunkt des Kaufes der Option. Dabei steigt das Risiko, je kürzer die Ablaufzeiten der Optionen gewählt werden. Warum, das so ist, ist leicht erklärt. Angenommen der Rohstoff Gold hat im Bereich Monats eine fallende Tendenz. Wenn kann sich die Verläufe der Kurse der einzelnen Tage innerhalb dieses Monats näher anschaut, erkennt man enorme Schwankungen. Wenn man also einen kürzeren Ablaufzeitraum zur nächsten halben Stunde beim Kauf einer Option wählt, weiß man nie, ob der Kurs innerhalb der nächsten Minuten steigen oder fallen wird. Wie soll man das auch wissen? Man weiß nicht, ob das Niveau des Goldkurses beim Optionenkauf gerade hoch oder niedrig ist. Wenn man sich also vom Trend, den der Goldkurs über längere Zeiträume vorwies beeinflussen lässt, kann es durchaus sein, dass man beim Tipp auf einem kürzeren Zeitraum voll daneben liegt.

Aber auch längerfristig kann man daneben liegen, denn niemand kann genau einschätzen, wann der Zeitpunkt für eine Trendwende gekommen ist.

Der Handel mit binären Optionen hat viel mit Glückspiel gemein, wenn man sich im kurzfristigen Bereich bewegt. Die Chancen sind enorm hoch, denn wenn man richtig liegt, winken bis zu 71% je Handel. Man kann also theoretisch alle halbe Stunde einen satten Gewinn einfahren.

Optionshandel mit Suchtgefahr

Parallelen zum Roulette sind nicht von der Hand zu weisen. Auch dort kann man seinen Einsatz jedes Mal verdoppeln, wenn man auf die richtige Farbe tippt. Aber Vorsicht, wer gewinnt, verfällt sehr leicht in eine Art Rausch. Dieser Zustand ist es, in den der Spielende in den Kasinos gebracht werden soll. Man gewinnt ein paar Mal und glaubt sich auf der Straße des Glückes. Wenn sich das „Glück“ dann verabschiedet, rächt sich der Kontrollverlust fatal. Man verliert meist nicht nur das gewonnene Geld wieder. In den meisten Fällen wird alles verspielt, was habhaft ist. Das Problem ist, dass der verlierende Spieler eine Art Ehrgeiz entwickelt, den Verlust wieder zurückgewinnen zu wollen. Dadurch ist er bereit jedes Mal erneut weiteres Geld einzusetzen und verspielt im schlimmsten Fall sein ganzes Hab und Gut. Es besteht enorme Suchtgefahr!


Wie macht das Glückspiel so süchtig?

Offiziell sind fast eine halbe Million Bürger spielsüchtig. Die Dunkelziffer liegt vermutlich viel höher und die Tendenz ist steigend. Heutzutage muss man die Wohnung gar nicht mehr verlassen. Das Internet macht es möglich, im Online-Kasino den gleichen Kick zu erleben wie in der wirklichen Welt. Onlinebanking und die gewohnte Umgebung zuhause unterstützen es, dem Spiel zu verfallen. Wenn man erst einmal begonnen hat, ist der Punkt schnell erreicht, an dem man nicht mehr aufhören kann und die Kontrolle verliert.

Das mesolimbische System im Gehirn spricht auf eine Vielzahl von Reizen an. Eine Schlüsselrolle in diesem Belohnungsnetzwerk spielt der so genannte Nucleus accumbens. Er reagiert beispielsweise auf Essen oder Sex, aber auch auf den besonderen Kick beim Glücksspiel. Dabei ist die Reaktion auf Kokain und andere Drogen ungleich heftiger als auf Wurststulle und Co. Abhängig von der Reizstärke kommt es zur Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin durch das ventrale tegmentale Areal (VTA) und zu einer Stimulation des Nucleus accumbens. Folge: ein Gefühl der Euphorie.

Doch nicht allein der spontane Glücksrausch entscheidet darüber, ob wir eine Handlung später wiederholen. Verschiedene Hirnareale analysieren die Situation und versorgen den Nucleus accumbens mit weiteren Informationen: Der Mandelkern – auch Amygdala genannt – bewertet, wie angenehm eine Erfahrung ist. Die Abschätzung möglicher, mit dem Ereignis verbundener Risiken erfolgt im medialen Teil des präfrontalen Cortex, im Stirnlappen. Die nötigen Koordinaten über das »Wo« und »Wie« der belohnenden Erfahrung liefert der Hippocampus – das Eingangstor zum Gedächtnis. Um eine schädliche Überreizung dieses Systems zu vermeiden, wird es bei chronischer Stimulation herunterreguliert – wie, ist noch nicht bis ins Detail geklärt. In dieser Gewöhnungsphase gräbt sich die Sucht in das Gehirn ein: Der ersehnte Rausch lässt sich nur noch erleben, wenn immer öfter oder um steigende Beträge gezockt wird. Schließlich reagiert der Süchtige allein schon beim Anblick des Objekts der Begierde.

Mit dem mesolimbischen System hat die Natur eine Instanz geschaffen, die uns dazu anspornen soll, lebenserhaltenden Tätigkeiten nachzugehen. Essen oder Sex sind so genannte natürliche Belohnungsreize. Sie führen zur Ausschüttung des Gehirnbotenstoffs Dopamin. Die damit verbundenen Glücksgefühle animieren uns dazu, eben dieses Verhalten zu wiederholen. Doch das System ist nicht auf lebens- und arterhaltende Maßnahmen beschränkt: Auch die Reize unserer modernen Zivilisation, wie beispielsweise Geld, bringen es auf Trab. Das haben Wissenschaftler bei gesunden Probanden wiederholt nachgewiesen. (1)

Dem Spieler droht also sehr leicht eine schwer zu kontrollierende psychische Abhängigkeit. Diese Abhängigkeit muss genauso behandelt werden wie die Abhängigkeit von Drogen. Aus diesem Grunde sollte man sich gut überlegen, ob man diese Büchse der Pandora wirklich öffnen möchte. Es ist durchaus möglich, dass man in die Abhängigkeit gleitet und am Ende sein ganzes Leben zerstört.


Beim Handel mit binären Optionen kommt es natürlich nicht so wie beim Glücksspiel auf das „Glück“ an. Man kann schon ein wenig dafür tun, dass der Handel nicht zu einem kompletten „Glückspiel“ verkommt. Doch kann man das wirklich? Hat jeder die nötige Disziplin dafür? Das Problem ist die Gier. Die Gier sorgt dafür, dass wir Dummes tun. In diesem Fall, dass wir versuchen, mit kurzfristigsten Optionen das schnelle Geld zu machen. So lange es funktioniert, verfällt man in den gleichen Zustand wie ein Roulettespieler auf der Straße des Glücks. Und wehe man verliert, auch beim Optionenhandel wird man vom Ehrgeiz gepackt und möchte Verluste zurückverdienen.

Spätestens hier soll die Hypothese vom Anfang noch einmal aufgegriffen werden: Jedermann kann handeln? Physisch schon, das steht außer Frage! Doch ist jeder in der Lage das nötige Maß an Disziplin und Kontrolle aufzubringen? Und ist jeder in der Lage zu verstehen, was da genau getan wird? Es dürfte legitim sein, diese Fragen mit einem entschiedenen „Nein“ zu beantworten. Jeder, der mit Optionen handelt sollte einen wachen geist besitzen, nicht leicht in Euphorie verfallen wenn er gewinnt und es auch verschmerzen können, wenn er alles Geld verliert. Hohe Chancen bedeuten hier auch hohe Risiken. Jedoch ist der menschliche Faktor hier das größte Risiko, denn nur der Mensch kann entscheiden, aufzuhören, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Und selbstverständlich gehört dazu, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen.

Stolperstein

Für Ein- und Auszahlungen gelten Mindestbeträge, hier 100 Euro. Wenn man eine Auszahlung haben möchte, muss man also mindestens 100 Euro anweisen. Wenn man eine Einzahlung machen möchte, müssen mindestens 100 Euro eingezahlt werden. Das erscheint zunächst harmlos. Wenn man aber Geld verloren hat und nur noch über ein kleines Guthaben verfügt, kann man es sich nicht auszahlen lassen. Man wird quasi dazu verdammt, den Restbetrag (unter 100 Euro) stehen zu lassen oder weiteres Geld (mindestens 100 Euro) einzuzahlen. Macht man letzteres, ist natürlich die Versuchung sehr groß, sein Glück noch einmal zu versuchen.

Fazit:

Für Spieler ist es genau das Richtige. Alles passt: Der Nervenkitzel, die Chancen, das Risiko, sogar die emotionale Bandbreite entspricht der eines Glückspielerlebnisses. Wer es sich nicht leisten kann, Geld zu verlieren, sollte sich nicht im Optionshandel ausprobieren. Die Gefahren sind einfach viel zu groß.

Infos zum Autor: Michael Sielmon
Foto: Datenbank Fotolia

(1) Artikel „Pokern mit der Maus“ von Daniele Simon aus Gehirn & Geist 12/2006

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