
Geldschöpfung durch Banken: Geld aus dem Nichts
September 8, 2026Der Josephspfennig ist die eindrücklichste Rechnung, die ich kenne. Ein Cent, angelegt im Jahr null, drei Prozent Zinsen, jedes Jahr gutgeschrieben – nach zweitausend Jahren liegen auf dem Konto 48 Billionen Billionen Euro.
Der Josephspfennig ist ein faszinierendes Beispiel für langfristige Geldvermehrung mit Zinseszinsen. Der Josephspfennig zeigt uns, wie aus einem kleinen Betrag im Laufe der Zeit ein enormes Vermögen entstehen kann.
Und wenn Du die Zinsen jedes Jahr abhebst, statt sie liegen zu lassen? Dann sind es nach denselben zweitausend Jahren sechzig Euro. Sechzig. Derselbe Cent. Derselbe Zinssatz. Dieselbe Zeit.
Was steckt hinter dem Josephspfennig?
Die Idee ist einfach. Joseph legt bei der Geburt Jesu einen Pfennig an, einen Cent, wie Du magst. Jedes Jahr bekommt er Zinsen gutgeschrieben. Und diese Zinsen verzinsen sich im nächsten Jahr mit. Sonst passiert nichts. Er zahlt nie wieder etwas ein.
Der Josephspfennig ist nicht nur eine theoretische Übung, sondern ein Prinzip, das in der Finanzwelt entscheidend ist.
Ich möchte Dir das in Ruhe durchrechnen. Denn Du siehst daran etwas, das Dein Verhältnis zu Geld verändern kann. Und ich sage gleich dazu: Du kannst das selbst nachrechnen. Eine Tabellenkalkulation reicht. Du brauchst dafür keinen Berater. Ehrlich gesagt hat mir das in meiner Zeit in der Bank auch nie jemand so vorgerechnet.
Wie entwickelt sich ein Cent bei drei und bei einem Prozent?

| Laufzeit | Guthaben bei 3 % | Guthaben bei 1 % |
|---|---|---|
| Nach 100 Jahren | 19,80 € | 2,73 € |
| Nach 200 Jahren | 380,44 € | – |
| Nach 500 Jahren | 2.700.533,55 € | 146,22 € |
| Nach 2.000 Jahren | 48.672.834.118.503 Billionen € | 443 Millionen € |
Ein Cent, angelegt im Jahr null, Zinsen jedes Jahr gutgeschrieben und liegen gelassen. Für 200 Jahre bei einem Prozent liegt mir kein Wert vor.
Fangen wir mit drei Prozent an. Nach hundert Jahren sind aus dem einen Cent 19 Euro 80 geworden. Das klingt erst einmal nach wenig. Aber halt kurz inne: Eingezahlt wurde ein einziger Cent. Alles andere ist Zins auf Zins.
Hier zeigt sich die Kraft des Josephspfennig: Ein geringer Startbetrag kann über die Jahre exponentiell wachsen.
Nach zweihundert Jahren sind es schon 380 Euro 44. Du siehst es sofort: Die zweiten hundert Jahre haben viel mehr gebracht als die ersten. Nach fünfhundert Jahren liegen auf diesem Konto 2,7 Millionen Euro. Und nach zweitausend Jahren steigt unser Kopf aus. Ich kann die Zahl vorlesen. Vorstellen kann ich sie mir nicht. Du auch nicht. Niemand kann das.
Jetzt nehmen wir an, Joseph wäre genügsamer gewesen. Ein Prozent, mehr nicht. Nach hundert Jahren: 2 Euro 73. Nach fünfhundert Jahren: 146 Euro 22. Neben den 2,7 Millionen von eben wirkt das fast lächerlich. Nach zweitausend Jahren aber liegen dort 443 Millionen Euro. Aus einem Cent. Bei einem Prozent.
Mit dem Beispiel des Josephspfennig können wir verstehen, welche Rolle Zinsen in unserem Leben spielen.
Warum wirkt exponentielles Wachstum so lange harmlos?
Diese Zahl kann unser Gehirn gerade noch fassen. Und genau deshalb ist sie so lehrreich. Denn schau, was danach passiert. In der Rechnung, die ich für mein Buch aufgestellt habe, wächst dasselbe Guthaben bis zum Jahr 2020 auf 541 Millionen Euro. Das sind fast hundert Millionen in gut zwanzig Jahren. Bei einem Prozent.
Über Jahrhunderte bewegte sich fast nichts, und am Ende kommen jedes Jahr Millionen dazu. Genau das ist exponentielles Wachstum. Lange unauffällig. Dann nicht mehr zu bremsen.
Und egal, wie klein Du den Zinssatz machst: Die Kurve läuft irgendwann gegen unendlich. Der Zinssatz entscheidet nur, wie schnell. Nicht, ob. Einen eigenen Beitrag habe ich übrigens der Frage gewidmet: woher kommen die Zinsen überhaupt, die hier jedes Jahr gutgeschrieben werden?
Ist ein halbes Prozent wirklich ein kleiner Unterschied?
Leg die beiden Rechnungen nebeneinander. Drei Prozent gegen ein Prozent. Das klingt nach einem kleinen Unterschied. Zwei Prozentpunkte, mehr nicht. Nach hundert Jahren stehen sich aber schon 19 Euro 80 und 2 Euro 73 gegenüber. Das ist das Siebenfache. Nach fünfhundert Jahren sind es 2,7 Millionen gegen 146 Euro. Und am Ende trennen die beiden Kurven Größenordnungen, für die wir keine Worte mehr haben.
Der Josephspfennig ist ein gutes Beispiel dafür, wie Zinseszinsen auf lange Sicht wirken.
Ein kleiner Unterschied im Zinssatz ist also nie ein kleiner Unterschied. Er ist nur am Anfang klein. Behalte das im Hinterkopf, wenn Dir jemand erklärt, ein halbes Prozent mehr oder weniger falle nicht weiter ins Gewicht.
Was passiert, wenn Joseph die Zinsen ausgibt?
Jetzt kommt der Teil, der mich damals wirklich getroffen hat. Wir ändern eine einzige Sache. Joseph lässt die Zinsen nicht liegen. Er hebt sie jedes Jahr ab. Er verbraucht sie. Er kauft Brot davon. Sonst bleibt alles gleich: derselbe Cent, dieselben zweitausend Jahre, derselbe Zinssatz.
| Zinssatz | Zinsen bleiben liegen | Zinsen werden jedes Jahr entnommen |
|---|---|---|
| 3 % | 48.672.834.118.503 Billionen € | 60,03 € |
| 1 % | 443 Millionen € | 20,01 € |
Jeweils nach zweitausend Jahren, ausgehend von einem einzigen Cent.
Sechzig Euro gegen 48 Billionen Billionen. Zwanzig Euro gegen 443 Millionen. Der einzige Unterschied ist, ob das Geld liegen bleibt und sich mitverzinst – oder ob es zurück in den Wirtschaftskreislauf geht.
Die Geschichte des Josephspfennig lehrt uns die Bedeutung von Sparen und Investieren im richtigen Moment.
Was Du hier siehst, ist also nicht der Zins. Es ist der Zinseszins. Der Fachbegriff dafür lautet Anatozismus, Zins auf Zins. Und der macht praktisch den ganzen Unterschied.
Was folgt daraus für unser Geldsystem?
Aus meiner Sicht etwas Unbequemes. Wir leben in einem begrenzten Raum. Es gibt nicht unendlich viele Waren, nicht unendlich viele Menschen, nicht unendlich viel Arbeit. Eine Funktion, die gegen unendlich läuft, passt da nicht hinein.
Meine Überzeugung ist deshalb diese: Jedes Geldsystem, das auf Schuld und Zins aufgebaut ist, muss nach einer gewissen Zeit zusammenbrechen. Nicht, weil jemand böse wäre. Sondern weil die Mathematik es so will.
Und die Geschichte ist voll davon. Um 1622 in Europa, in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. 1923 in Deutschland und in Ungarn. Von 1939 bis 1948 die zurückgestaute Inflation in Deutschland, korrigiert durch die Währungsreform. Jahrzehntelang bis 1991 in Argentinien. Bis 1994 in Brasilien. 1995 Mexiko. 2002 wieder Argentinien. Das sind keine Ausnahmen. Das ist ein Muster.
Der Josephspfennig ist nicht nur eine Zahl. Er steht für die Möglichkeit, Vermögen über Generationen zu akkumulieren.
Und bedenke: Joseph brauchte zweitausend Jahre, weil sein Zinssatz so niedrig war. Schau Dir an, wie hoch Kreditzinsen sein können. Beim Dispo. Bei einer Kreditkarte. Bei einem Ratenkredit. Da braucht es keine zweitausend Jahre.
Was Du damit anfangen kannst
Zwei Gedanken, ganz praktisch.
Erstens: Rechne es einmal selbst nach. Eine Tabelle, eine Spalte für die Jahre, eine Formel. Fünf Minuten. Es ist ein Unterschied, ob Du eine Zahl hörst oder ob Du sie selbst entstehen siehst.
Zweitens: Dreh den Josephspfennig um. Jedem Guthaben steht irgendwo eine Schuld gegenüber. Wenn Zinseszins ein Vermögen ins Unvorstellbare wachsen lässt, dann lässt er auf der anderen Seite eine Schuld genauso wachsen. Frag Dich einmal ganz ruhig: Auf welcher Seite dieser Kurve stehe ich gerade?
Der Josephspfennig ist eine Mahnung, wie wichtig es ist, die eigenen Finanzen im Blick zu behalten.
Ich stand lange auf der falschen Seite und habe es nicht gemerkt. Deshalb rede ich darüber.
Wie es weitergeht
Wenn Du wissen willst, warum unser Verstand mit solchen Kurven grundsätzlich überfordert ist, dann lies als Nächstes den Beitrag über das Zinseszins Schachbrett. Ausführlich steht das alles im Kapitel „Zinsen und Zinseszinsen“ in meinem Buch.
Und schreib mir gern in die Kommentare, welche der vier Zahlen Dich am meisten überrascht hat.
Zum Weiterlesen: Josephspfennig
Dieser Beitrag gibt meine persönliche Einschätzung wieder und ist keine Anlageberatung.
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