Paragraf 314 VAG: Leistung gekürzt, Beitrag bleibt
September 11, 2026Sterbetafel Rentenversicherung: zwei Tafeln, ein Mensch
September 11, 2026Wer sich seine Versorgungslücke berechnen lässt, bekommt am Ende ein Balkendiagramm. Der Berater tippt ein paar Zahlen in seinen Rechner, und heraus kommt eine Lücke. Auf den Euro genau, vierzig Jahre im Voraus.
Es ist wichtig, die Versorgungslücke berechnen zu können, um die eigenen finanziellen Ziele besser zu verstehen.
Ich habe solche Diagramme selbst hunderte Male ausgedruckt. Und ich glaube heute: Bei einem heute Fünfundzwanzigjährigen ist das Kaffeesatzlesen.
Ich sage das nicht, um jemandem Böses zu unterstellen. Die meisten Berater glauben selbst an ihre Zahlen. Ich habe das auch getan. Ich sage es, weil die Methode ein Problem hat, über das kaum jemand spricht.
Die Versorgungslücke berechnen zu können, ist entscheidend für eine langfristige Planung.
Was heißt Versorgungslücke berechnen überhaupt?
In der Theorie ist die Versorgungslücke die Differenz zwischen Deinem letzten Nettoeinkommen und Deiner Versorgung bei Renteneintritt. Diese Versorgung setzt sich zusammen aus der staatlichen Rente, eventuellen Kapitalerträgen, Mieteinnahmen und was Du sonst noch hast. Was fehlt, ist die Lücke.
Wenn Du die Versorgungslücke berechnen möchtest, musst Du alle möglichen Einkommensquellen berücksichtigen.
Klingt sauber. Klingt seriös. Auf den ersten Blick ist die Methode auch völlig in Ordnung.
Das Problem dabei ist die Zeit. Je weiter die Rente in der Zukunft liegt, desto mehr gleicht die Ermittlung dieser Lücke dem Kaffeesatzlesen.
Was müsste alles vorhergesagt werden?
Wer sich als junger Mensch beraten lässt, bekommt das besonders deutlich zu spüren. Denn schau Dir an, was da vorhergesagt werden müsste.
Welches Einkommen wird eine heute Fünfundzwanzigjährige kurz vor ihrem Renteneintritt haben? Niemand weiß das. Sie selbst am allerwenigsten. Vielleicht macht sie Karriere. Vielleicht wechselt sie zweimal den Beruf. Vielleicht gibt es diesen Beruf in dreißig Jahren nicht mehr.
Und welchen Kostenapparat wird diese Person dann haben? Kinder, keine Kinder, eine Immobilie, eine Scheidung, eine Pflegesituation in der Familie. Allein an diesen zwei Fragen zeigt sich, dass jede Prognose zum Scheitern verurteilt sein muss.
Es gibt natürlich Software dafür. Sie soll alle möglichen Faktoren berücksichtigen: Rendite, Inflation, benötigtes Endkapital. Aber sorgt das wirklich für ein besseres Verständnis Deiner Situation?
Um die Versorgungslücke berechnen zu können, ist es wichtig, alle Änderungen im Leben zu berücksichtigen.
Meine Erfahrung ist: nein. Solche Software ist wie eine Black Box. Vorne gehen Annahmen hinein, hinten kommt eine Zahl heraus, und dazwischen kann kaum jemand nachvollziehen, was genau gerechnet wurde. Der Berater oft selbst nicht. Wie soll da Vertrauen entstehen?
Wie verlässlich ist die Zahl auf Deiner Renteninformation?
Die halbe Rechnung hängt an einer einzigen Zahl. An der staatlichen Rente. Also an dem Betrag, der auf Deiner jährlichen Renteninformation steht.
Wir haben ein Umlagesystem. Das bedeutet, es wird nichts angespart. Die Beiträge, die heute eingezahlt werden, gehen fast direkt an die heutigen Rentner. Und dieses System hat seit Jahrzehnten große Probleme. Die Altersstruktur in Deutschland droht es zu kippen. Weniger Einzahler, mehr Empfänger, längere Bezugsdauer.
Und jetzt schau Dir an, wie beweglich dieses System ist.
| Kennzahl der gesetzlichen Rente | Wert | Stand |
|---|---|---|
| Rentenanpassung | + 4,24 % | 1. Juli 2026 |
| Aktueller Rentenwert je Entgeltpunkt | 42,52 Euro | seit 1. Juli 2026 |
| Rentenniveau | 48,0 % | 2026 |
| Beitragssatz | 18,6 % | 2026 |
| Haltelinie beim Rentenniveau | 48 %, festgeschrieben bis 2031 | Rentenpaket 2025 |
Das sind erst einmal gute Nachrichten, und ich sage das ohne Ironie. Aber schau Dir die letzte Angabe genau an: bis 2031. Eine Haltelinie mit Ablaufdatum.
Wer heute fünfundzwanzig ist, geht rund vierzig Jahre später in Rente. Für den allergrößten Teil dieser vierzig Jahre ist schlicht nicht festgelegt, welche Regeln dann gelten.
Ich sage damit ausdrücklich nicht, dass die gesetzliche Rente zusammenbricht. Ich sage: Sie wird laufend nachjustiert. Jede einzelne dieser Zahlen ist in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach verändert worden. Und eine Vierzig-Jahres-Prognose, die auf laufend veränderten Zahlen aufbaut, ist keine Rechnung. Sie ist eine Annahme mit vielen Nachkommastellen.
Dazu kommt etwas, das viele nicht wissen. In der Vergangenheit wurden immer wieder Gelder aus der Rentenversicherung zweckentfremdet, also für Aufgaben verwendet, für die sie nicht eingezahlt worden waren. Unzählige Reformen und Anpassungen haben ebenfalls ihre Spuren hinterlassen.
Und die Einnahmenseite hat Grenzen, die selten erklärt werden. Die Einzahlungen der Besserverdienenden sind nach oben gedeckelt. Über einer bestimmten Grenze zahlt niemand mehr in die gesetzliche Rente ein. Und einige Berufsgruppen zahlen gar nicht erst ein.
Ich glaube deshalb, dass es derzeit bei jüngeren Menschen kaum möglich ist, eine seriöse Versorgungslückenermittlung durchzuführen. Das ist meine Einschätzung, ausdrücklich. Aber das muss am Ende jeder für sich entscheiden.
Es ist unvermeidlich, die Versorgungslücke berechnen zu müssen, um eine fundierte Entscheidung zu treffen.
Warum eine große Lücke ein gutes Verkaufsargument ist
Und jetzt kommt der Dreh, um den es mir eigentlich geht. Wenn die Prognose so unsicher ist, dann ist die Zahl am Ende des Beratungsgesprächs nicht das Ergebnis. Sie ist ein Werkzeug.
Die Fähigkeit, die Versorgungslücke berechnen zu können, verändert die Perspektive auf die Altersvorsorge.
Eine große Lücke ist ein sehr überzeugendes Verkaufsargument. Je größer sie ausfällt, desto größer wird der Vertrag, der sie schließen soll.
Ich behaupte nicht, dass das überall bewusst passiert. Ich habe viele ehrliche Kollegen erlebt. Aber die Mechanik ist da, und Du solltest sie kennen.
Warum ist das überhaupt so schwer für uns alle? Ich glaube, weil vielen Menschen das Gefühl für die Begriffe fehlt. Man hört das Wort Inflation und weiß, dass Preise steigen. Aber man kann es kaum in die eigene Zukunft übersetzen. Wie sich der Kaufkraftverlust über Jahrzehnte anfühlt, habe ich deshalb in einem eigenen Beitrag greifbar gemacht.
Und die Politik? Sie kennt die Probleme mit Langlebigkeit und Geburtenrückgang seit sehr langer Zeit. Ersatzlösungen wurden gesucht – die geförderten Produkte rund um Riester oder Rürup sind das bekannteste Beispiel. Sie zeigen die Richtung, aber aus meiner Sicht sind sie nicht wirkungsvoll genug.
Drei Dinge, die Du stattdessen tun kannst
Was heißt das jetzt ganz praktisch, wenn Du Deine Versorgungslücke berechnen willst oder sie Dir jemand vorrechnet?
Wenn Du Deine Versorgungslücke berechnen willst, solltest Du die Annahmen hinterfragen.
Erstens: Lass Dich nicht von einer Zahl beeindrucken, die vierzig Jahre in die Zukunft reicht. Frag stattdessen, welche Annahmen dahinterstecken. Welche Rendite, welche Inflation, welches Einkommen. Lass sie Dir aufschreiben. Wenn jemand das nicht kann oder nicht will, weißt Du auch etwas.
Zweitens: Rechne lieber kurz statt lang. Was Du in den nächsten fünf Jahren tatsächlich zurücklegen kannst, ist eine Zahl, die Du kennst. Das ist mehr wert als jede Hochrechnung bis 2065.
Drittens: Behalte die Beweglichkeit. Ein Plan, den Du in zehn Jahren ohne Verlust anpassen kannst, ist aus meiner Sicht mehr wert als ein perfekt gerechneter Plan, aus dem Du nicht mehr herauskommst.
Wenn Du die Versorgungslücke berechnen kannst, bist Du besser aufgestellt für die Zukunft.
Am Ende wird niemand für Dich geradestehen, wenn sich Deine Zusatzvorsorge als unnütz erweist. Kein Berater und kein Institut. Genau deshalb lohnt es sich, die Rechnung selbst zu verstehen.
Im nächsten Beitrag geht es um einen Paragrafen, den kaum jemand kennt, der aber jeden Lebens- und Rentenversicherungsvertrag betrifft.
Und schreib mir in die Kommentare, welche Versorgungslücke Dir einmal ausgerechnet wurde und ob man Dir die Annahmen dazu gezeigt hat. Ich lese da wirklich mit.
Wie hast Du Deine Versorgungslücke berechnen lassen? Ich bin gespannt auf Deine Erfahrungen.
Zum Weiterlesen: Rentenlücke
Dieser Beitrag gibt meine persönliche Einschätzung wieder und ist keine Anlageberatung.
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