Schneeballsysteme

Schneeballsysteme sind in Deutschland illegal. Ein Schneeballsystem basiert auf immer neuen Zufluss von neuen Mitgliedern, die Geld in ein System einzahlen, damit bestehende Mitglieder aus diesen Mitteln Ausschüttungen bekommen können. Da diese Programme nicht unendlich wachsen können, haben spätere Einsteiger oft das Nachsehen, weshalb sie in Deutschland verboten sind. Oder gibt es legale Schneebälle?

Zu Beginn gleich eines, legale Schneeballsysteme gibt es in Deutschland nicht. Schneeballsysteme sind immer illegal. Jedoch wenn man sich die Funktion ein wenig näher ansieht, gibt es interessante Parallelen zu einigen traditionellen und in Deutschland weit verbreiteten Produktarten in der Finanzwelt. Es existieren Angebote, die auf lange Sicht kaum funktionieren würden, wenn es keine Neukunden gäbe, die ihr Geld in diese Angebote einzahlen. Und wenn bestehende Kunden die Produkte nicht auf die Art verwenden, wie es von Anbieterseite gedacht war, versucht man sich von diesen Kunden zu lösen.

Das Prinzip des Bausparvertrags

Es begann bei den Bausparkassen. Dort erfolgte eine groß angelegte Kündigungswelle. Die Verträge mit Zinsversprechen von 4 Prozent und mehr wurden den Bausparkassen ganz einfach zu teuer. In 2015 begannen die Bausparkassen daher geschlossen, unliebsame Verträge mit hohen Zinsversprechen zu kündigen. Es soll sich dabei um die 200.000 betroffene Verträge handeln. Hauptsächlich ging es um Verträge mit hoher Verzinsung, die schön längere Zeit zuteilungsreif sind und das Darlehen nicht in Anspruch genommen wurde. Sie entsprechen offenbar nicht dem Bausparkassenprinzip, welches darauf ausgerichtet ist, dass Kunden nach der Ansparphase das Bauspardarlehen in Anspruch zu nehmen und anstelle von Guthabenzinsen zu erhalten, Darlehenszinsen bezahlen sollen, die dann im Verhältnis natürlich höher liegen, als die Guthabenzinsen. Nur so kann sichergestellt werden, dass auf der Einnahmenseite ausreichend finanzielle Mittel zufließen, um das Bausparprinzip erfolgreich umzusetzen. Aber noch etwas ist nötig, es müssen immer neue Bausparer dazukommen. Eine Parallele zu Schneeballsystemen ist in dieser Beziehung also naheliegend. Würde es keine Neukunden geben, hätten die Bausparkassen ein ernstes Problem. Inzwischen steht die Rechtsprechung auf Seiten der Kunden. Die Bausparkassen wollen sich jedoch nicht so einfach geschlagen geben und versuchen weiter, die unliebsamen Verträge mit den hohen Zinsversprechen loszuwerden.

Jeder Bausparvertrag kostet den Kunden neben der Abschlussgebühr auch laufende Gebühren. Diese laufenden Kosten werden zur Deckung des Verwaltungsaufwandes benötigt, während die Abschlussgebühr zur Bezahlung des Vertriebs benötigt wird. genügend Neugeschäft ist also notwendig, damit auch auf der Gebührenseite für den Anbieter alles im grünen Bereich bleibt.

Neugeschäft nicht zufriedenstellend

Auf die Beitragseinnahmen bezogen, ist das Neugeschäft jedoch rückläufig. Der Verband der privaten Bausparkassen macht allerdings gute Stimmung. Der Bestand sinke zwar, aber die Höhe der Bausparsummen sei angestiegen. Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass die Höhe der Bausparsumme nicht unbedingt im direkten Zusammenhang mit den Beitragseinnahmen stehen muss. Tatsächlich werden die Bausparsummen der Bausparverträge in der Beratungspraxis gern etwas großzügiger bemessen, da die Höhe der Abschlussgebühr mit steigender Bausparsumme ebenfalls ansteigt. Bei Finanzinstituten werden die Berater bei ihren Abschlussvorgaben daher seltener nach Stückzahl als vielmehr nach der Höhe der abgeschlossenen Bausparsumme bewertet. Höhere Bausparsumme zieht höhere Provision nach sich. Darüber hinaus darf auch das Tagesgeschäft in der Baufinanzierung nicht vergessen werden. Hier werden gern Bausparverträge als Bestandteil der Immobilienfinanzierung, als sogenannte Zinssicherheitskomponente dazu verkauft, egal ob es tatsächlich Sinn ergibt oder nicht. Die Darlehensnehmer sind oft froh, wenn sie die Finanzierung bekommen und leisten daher den Empfehlungen des Ansprechpartners gern Folge.

Das Prinzip Lebensversicherung

Lebensversicherungsgesellschaften sind – wie Schneeballsysteme – ebenfalls vom Neugeschäft abhängig. Diese Verträge sind bei den meisten Versicherern mit recht hohen Kosten behaftet. Diese Kosten werden für die Vergütung des Vertriebs, die Vertragsführung und natürlich für den Unterhalt der Immobilien benötigt, in denen die Beschäftigten ihrer Arbeit nachgehen.

Als das Steuerprivileg für Auszahlungen aus Lebensversicherungen Anfang 2005 endete, brach das Neugeschäft ein. Die Branche bekam ein ein echtes Problem. In Rekordzeit wurde damals die Riester-Rente geschaffen und später dann auch die Basis-Rente, um der Branche einen Ausgleich zu ermöglichen. Die hohe Geschwindigkeit, wie hier seitens der Politik gehandelt wurde lässt auf die Dramatik des Problems schließen. Fällt das Neugeschäft weg, funktioniert das Geschäftsmodell Lebensversicherung nicht mehr. Auch das ist eine Parallele zu Schneeballsystemen. Die Anbieter kämen in echte wirtschaftliche Probleme.

Sicherheit ist das Argument Nummer Eins

Das wichtigste Argument, um Kunden für Verträge wie Lebensversicherungen zu gewinnen, ist die Sicherheit. Die Alterssicherung muss sicher sein! Und wenn man den Verband der Lebensversicherer (GDV) dazu interviewt, steht die Lebensversicherungsbranche so gut da wie nie. Selbst die Bankenkrise 2008 hätte die Versicherer nicht tangiert. Schließlich sei eine Bankenkrise keine Versicherungskrise. Hier wird offenbar gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Die Sachlage ist eine ganz andere. Die Lebensversicherer müssen die Gelder hauptsächlich in Anleihen investieren, meist Staatsanleihen. Bei Staatsanleihen kann man zwei Trends beobachten. Erstens ist das Zinsniveau seit Jahren im Keller. Das sorgt dafür, dass die meisten Lebensversicherer nicht mehr in der Lage sind, die Verzinsung zu erwirtschaften, die sie ihren Kunden vertraglich zusicherten.

Garantien schmelzen dahin

Dass das so ist, kann man daran erkennen, dass der Garantiezins ab dem 01.01.2017 auf 0,9 Prozent gesenkt wird. Da sollte man mal drüber nachdenken. Zweitens sind Staatsanleihen seit der Rettung von Griechenland und Irland vor dem Bankrott und dem milliardenschweren Anleihenankaufprogramm der Europäischen Zentralbank offensichtlich nicht so sicher, wie es immer behauptet wird. Im Grunde ist das auch verständlich. Nahezu jedes EU-Land hat ähnliche Herausforderungen. Die Nationen sind überschuldet. Die Zinsen steigen exponenziell. Jedes Jahr werden mehr neue Schulden aufgenommen, um die Zinsen begleichen zu können. Was passiert, wenn ein Land gezwungen wird, einen großen Anteil der Staatspapiere auszubezahlen? Mit so einer Situation war kein Land jemals konfrontiert, denn fällig gewordene Staatsanleihen wurden immer gleich in neue Staatsanleihen getauscht. Geld floss dabei nicht.

Rettungsvolumen reicht nicht aus

Was geschieht, wenn die Auffanggesellschaft der Lebensversicherer, Protector einmal an ihre Grenzen stößt? Was könnte geschehen, wenn mehrere Anbieter notleidend werden und die Branche keine Reserven mehr hat. Wenn eine Insolvenzmasse veräußert wird, sind Staatspapiere die größte Position. Könnten diese Papiere liquidiert werden? Sollte dieser Fall eintreten, liegt der Verdacht nahe, dass die Regierung abhilft, so wie sie es mit den Banken getan hat. Seit der letzten Bankenkrise ist Bewegung bei den Versicherern. Wertpositionen in den Bilanzen büßten arg ein.

Vertragsabbruch ist die Regel

Viele Kunden halten die lange Wartezeit bei ihren Lebensversicherungsverträgen nicht durch. Über 70 Prozent der abgeschlossenen Lebensversicherungen wurden vor Ablauf gekündigt oder still gelegt. Die meisten Verträge werden innerhalb der ersten 7 Laufzeitjahre gekündigt. Hauptursache dafür sind die unbefriedigenden Wertmitteilungen, die die Anbieter jedes Jahr an ihre Kunden versenden. Extrem hohe Kosten fressen die Rendite auf. Die Mehrzahl der laufenden Verträge kommt in den ersten 15 Jahren nicht ins Plus. Welcher verantwortungsvolle Anleger schaut da lange zu?

Hoffnung für Geschädigte

Zwischenzeitlich haben die Gerichte zahlreiche Urteile darüber gesprochen, was bei Abschluss einer Lebensversicherung in Ordnung war und was nicht. Daher geben sich Juristen die Klinke in die Hand, um den Versicherungsnehmern ihre Verluste durch Widerruf oder Rückabwicklung ihrer Lebens- und Rentenversicherung wettzumachen. Auch hier wächst ein Problem für die Lebensversicherer, da sich immer mehr Versicherungskunden dafür entscheiden, ihre Verluste nicht hinzunehmen und den Rechtsweg zu beschreiten.

Kreative Risikobetrachtungen der Versicherer

Ziel der Lebensversicherer ist der Profit, darüber sollte man sich stets bewusst machen. Das bedeutet, die Anbieter tun alles, um an mehr Geld zu kommen. Das Geschäft mit dem Leben der Versicherten bietet gleich mehrere Chancen für die Versicherer, sich einen erheblichen Anteil der Gelder der Kunden zu vereinnahmen. Überschüsse, die erwirtschaftet werden, fallen der Versichertengemeinschaft zu. Jedoch nicht komplett, denn ein Viertel dieser Gelder darf der Versicherer behalten. Die Versicherer können die Höhe der Überschussbeteiligung beeinflussen, indem sie übervorsichtig kalkulieren. Eine Riester-Rente ist z. B. eine Wette darauf, wie lange der Versicherungskunde lebt und seine Rente erhalten wird. Je eher er stirbt, desto geringer fällt die Versicherungsleistung aus und desto höher ist der Anteil, welcher der Versichertengemeinschaft als Überschuss zufällt. Bei dieser Art Vertrag gehen nämlich die Hinterbliebenen leer aus, wenn der Versicherte verstirbt, ohne dass das Versicherungsguthaben vollständig ausgezahlt wurde.

Versicherung ist immer eine Wette

Schade für die Hinterbliebenen, aber so sind diese Produkte aufgebaut. Die Wette besteht darin, dass das Guthaben der Versicherten lange genug reicht, bis der Versicherte verstirbt. Lebt der Kunde länger, muss der Versicherer weiter Rente ausschütten, auch wenn das Guthaben bereits aufgebraucht wurde. Es versteht sich von selbst, dass dieser Fall für die Versicherer nicht angestrebt wird. Damit diese Wette also zugunsten der Versicherer ausfällt, wird mit extrem hohen Lebenserwartungen kalkuliert. Sprich, das Guthaben des Versicherten muss für eine extrem lange Rentenzahlung ausreichen. Da das Geld lange reichen muss, fällt die Höhe der Rente entsprechend geringer aus, als wenn man mit tatsächlichen Lebenserwartungen kalkulieren würde, die viel kürzer sind. Das statistische Bundesamt geht bei einem heute 30-jährigen Mann von einer Lebenserwartung von 82 Jahren aus. Die Versicherer kalkulieren im Schnitt mit fast 93 Jahren, also über 10 Jahren mehr. Für Frauen fällt die Kalkulation noch großzügiger aus. Eine heute 30-jährige Frau wird nach Meinung der Versicherer sogar 97 Jahre. Gerechtfertigt wird diese Praxis damit, dass man vorsichtig kalkulieren und deshalb einen Sicherheitspuffer berücksichtigen müsse. Die Frage ist, ob 10 Jahre nicht eine viel zu hohe Sicherheitsmarge sind. Eine Marge von 2-3 Jahren wäre sicherlich mehr als ausreichend. Im Endeffekt ist diese vorsichtige Kalkulation der Grund dafür, dass den Versicherten eine geringere Rente ausgezahlt wird, als ihnen zustünde und somit im Falle des Todes noch mehr Geld, welches dadurch in den Verträgen verbleibt, in die Überschüsse fließt. Da weit mehr Menschen vor dem durch die Versicherer kalkulierten Todeszeitpunkt versterben als die, die diesen überleben, erhält der Rücklagentopf einen stetigen Geldzufluss.

Das gleiche Spiel aber umgekehrt

Paradox wird die Angelegenheit, wenn man die Produktlinie Rentenversicherung verlässt und sich die Kalkulationspraxis der Risikolebensversicherung zuwendet. Bei der Todesfallabsicherung geht es abermals um eine Wette. Diese lautet diesmal aber anders: Verstirbt der Versicherer vor Ablauf der Todesfallversicherung oder danach? Der Beitrag für den Todesfallschutz steigt mit der Wahrscheinlichkeit der Sterblichkeit. Kalkuliert man also eine geringe Lebenserwartung, kostet der Todesfallschutz entsprechend viel. Der gleiche 30-jährige Mann, dem bei der Rentenversicherung noch eine Lebenserwartung von 93 Jahren bescheinigt wird, hat bei der Kalkulation einer Risikolebensversicherung auf einmal nur noch eine Lebenserwartung von 73 Jahren! Auch hier geht es darum, die Höhe der Überschüsse zu vergrößern. Denn wenn man mit einer geringen Lebenserwartung kalkuliert, verschiebt man die Rahmenbedingungen der Wette um den Todeszeitpunkt zu Gunsten der Versicherer. Die Versicherungsbeiträge sind einfach viel zu hoch kalkuliert, so dass viel weniger Versicherungsleistungen ausgeschüttet werden müssen, als Beiträge hereinkommen. Man kann es drehen, wie man will. Die Versicherer passen schon auf, dass sie ihren Schnitt machen. Als Verbraucher muss man das einfach nur wissen, um zu erkennen, auf wessen Seite ein Lebensversicherer steht.

Schlussfolgerung: keine Schneeballsysteme

Von Schneeballsystemen kann man hier sicher nicht sprechen, da beim Schneeballsystem das zufließende Geld direkt für die Auszahlung der bestehenden Mitglieder benutzt wird. Jedoch haben sowohl die Lebensversicherer als auch die Bausparkassen ein ernstes Problem, wenn das Neugeschäft zurückgeht oder sogar wegfällt. Das kann bis zur Insolvenz gehen. Bedenkt man, mit wieviel Kreativität die Anbieter sich aus den Geldtöpfen ihrer Kunden bedienen, erscheint es mehr als logisch, dass der Zugang neuer Kunden eine Grundvoraussetzung dafür ist, dass diese Systeme weiter funktionieren. Ob diese Verträge für die Kunden das erhoffte Ergebnis bringen, darf bezweifelt werden. Dafür fehlt eindeutig die Rendite.

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